Mission - Auftrag oder Widerspruch?

 

Kirchlich war die Welt bisher zweigeteilt: in Länder der Christenheit und Missionsländer. Amerika und Europa waren Kirche, Afrika und Asien Mission. Die Missionstätigkeit wurde daher von der westlichen Kirche in den anderen Kontinenten ausgeführt. Dorthin schickte man Missionare und Geld und übernahm die volle Verantwortung für jene unsere Missionen. Diese Zweiteilung ist überholt. Heute spricht man von Ortskirchen: Bischöfe, Priester, Ordensleute, führende Laien sind bereits Einheimische.

Wir nehmen die Existenz dieser Kirchen ernst, nicht nur, weil die zahlenmäßige Zukunft der Weltkirche bei ihnen liegt: im Jahr 2000 werden 70 % aller Katholiken in den einstigen Missionsländern leben. Die Beziehung Kirche-Mission ist nicht mehr nur ein Einbahn-System, bei dem wir die Gebenden, die anderen die Empfangenden sind. Inzwischen spricht an von Fluß und Rückfluß. Denken wir nur an viele Priester und Ordensleute aus anderen Kontinenten, die in Europa unter uns leben und wirken.

Mission und Entwicklungshilfe

„Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach `missionarisch'..", heißt es im Konzilsdekret „Ad Gentes". Wir fragen, was heute der Auftrag der pilgernden Kirche in der Welt ist: die Verkündigung des Evangeliums als Ruf zum Glauben, zur Sammlung des neuen Gottesvolkes - oder die Bemühung um menschenwürdige, freiheitliche Verhältnisse, bessere Strukturen, Vermenschlichung der Gesellschaft?

Verkündigung und Liebes-Dienst gehören unbedingt und untrennbar zusammen: Gott will die ganze Welt. Sein Heilswille sucht den ganzen Menschen. Mission ist nicht nur Seel-Sorge. Christus selbst hat nicht nur schöne Worte gesagt, sondern Taten gezeigt. Er lebte vor, was er das erste und einzige Gesetz nennt: Gottes- und Nächstenliebe. Er leidet mit den Kranken. Heilt sie. Er erbarmt sich der Verlassenen. „Weil diese Menschen erschöpft waren wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Mt 9.36). Er erbarmt sich des Volkes, das nichts zu essen hat (mk 8,1). Er lehrt die Jünger, den Vater um das tägliche Brot zu bitten (Mt 6.11). Nur jene werden der neuen Menschheit angehören, die für den Frieden arbeiten, das Brot mit den Hungernden teilen... (Mt 25,31-46).


 

Wo Mission geschieht, geschieht Gottes eigenes Werk

Glaubensverkündigung bedeutet: das Evangelium bekannt machen, predigen, Sakramente spenden. Sie geschieht durch den Aufbau der Kirchen. Entwicklugnshilfe dagegen hat mit der Förderung des menschlichen und zeitlichen Fortschritts jener zu tun, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können.

Der Missionar jedoch, der im Entwicklungsdienst tätig ist, muß überzeugt sein, daß Glaubensverkündigung auch durch diesen Einsatz geschieht. Sein Dienst ist Verkündigung, wenn er im Geist der Liebe geschieht. Dann ist er Heilbringer im Vollsinn biblischen Heils: Abkehr von Haß und Eifersucht, Befreiung durch Liebe. Dieses Heil macht den Mesnchen nicht nur besser, sondern neu. Der neue Mensch schafft dadurch neue Strukturen, die freier, gerechter und menschenwürdiger sind. Die Menschen in den Missionen befinden sich in entsetzlichen Situationen, die zuerst verändert werden müssen, um einen Zugang zum Heil zu finden.

Christus ist die Mitte

Ziel kirchlichen Dienstes ist und bleibt die Glaubensverkündigung. Doch wie soll heute Evangelisation aussehen? Die ganze Sorge muß sich auf eine konstruktive, lebendige, am konkreten Leben orientierte Mission richten.

„Ich bin gekommen, Feuer auf der Erde zu entzünden...", sagt Jesus. Gerade in der heutigen Welt mit ihren steten Veränderungen ist es wichtig, zu sorgen, daß dieses Feuer nicht unscheinbare Flamme, aufglühendes Funkeln bleibt, sondern Feuer, das wärmt und wirkt. Daher müssen sich die Missionare fragen: Was sage ich selbst von Christus? Wer und wo ist er? Wie lebe ich ihn? Wie leben wir ihn?

Es wäre fruchtlos und unsinnig, zu predigen, zu lehren, von Christus zu reden, ohne selbst entschieden nach dem Evangelium zu leben; ein Leben, das sich durch einen einfachen Stil auszeichnet, wohl wissend, daß „der Sohn Gottes nichts hatte, wohin er sein Haupt legen konnte". Christusnachfolge fordert radikale Konsequenzen von jedem: den anderen anhören; weinen mit den Weinenden; aufmerksam bleiben für die Zeichen der Zeit; Respekt zeigen für die Menschen und die Werte des Lebens.

Seel-Sorge und Leib-Sorge

Zum Heilsdienst der Kirche gehört nicht nur Seel-Sorge, sondern auch Leib-Sorge. Das geht schon aus der Doppel-Berufung der Jünger Jesu (Lk 9-10) hervor. Nicht nur die Verkündigung der nahen Gottesherrschaft ist den Jüngern aufgetragen, sondern auch die Heiligung, bei der es um das Heilsein des Menschen in der Gemeinschaft geht. Deshalb können Evangelisation und Entwicklungshilfe nicht zwei sich ausschließende Größen sein; ja, es wäre tödlich, sie voneinander zu trennen. Der Mensch, an den die Frohe Botschaft gerichtet ist, muß spüren, daß der Verkünder derselben ihn wirklich von Herzen liebt.

Andererseits muß der Missionar den Menschen erklären, warum er dies oder jenes tut. Sonst geht es ihm wie einer Missionsschwester in China, die sich jahrelang der Armen und Waisen angenommen hatte. Als Mao Tse-Tung an die Macht kam, fand sie sich im Gefängnis wieder. Ihre Schützlinge besuchten sie und warfen ihr vor: „Sie haben aus uns Bettler gemacht!" Das war eine brutale Infragestellung einer sicher aufrichtigen Praxis der Nächstgenliebe. Das ist aber auch eine Lektion, die von jenen bedacht werden sollte, die sich in Entwicklungshilfe engagieren.

Mission hat ihren letzten Grund in Leben, Tod und Auferstehung Jesu. Ja sogar: die ganze Welt als Schöpfung Gottes ist auf Jesus Christus angelegt, der als Herr, als Anfang und Ende geoffenbart wurde. Im religiösen Suchen der Menschen darf der Missioanr eine Vorbereitung, vielleicht sogar die geheime Anwesenheit der Gnade Jesu sehen. Die Missionsarbeit wird daher nie überflüssig, denn die menschliche Erlösungssehnsucht verlangt nach der sichtbaren Gnade Gottes. Deshalb besteht die eigentliche Aufgabe der Mission darin: Jesus Christus sichtbar zu vergegenwärtigen, auf die Zukunft des Reiches Gottes hinzuweisen, der uns in seiner Auferstehung Zeichen untrüglicher Hoffnung gab.

Verkündigung und Gemeindebildung einerseits und Dienst am Menschen andererseits dürfen niemals auseinandergerissen werden. Sie müssen stets neu, situationsgerecht verwirklicht werden. Es geht nicht um phantasieloses Nachahmen christlicher Vergangenheit, sondern um ein neues Verständnis christlicher Überlieferung, um die Realisierung dessen, was der verheißene Geist Jesu will.

Eigenverantwortung

Alle Ortskirchen leben heute in missionarischer Situation. Für die jungen Kirchen sollte das klar sein, denn sie sind noch in einem Aufangs- und Entwicklungsstadium. Deshalb sollen wir ihnen unsere Hilfe anbieten, solange sie benötigt und erwünscht ist. Aber sie selbst müssen mehr und mehr die Erstverantwortung wahrnehmen. Der Sinn unseres Wirkens liegt darin, so rasch wie möglich einheimische Führungskräfte, Laien, Priester und Ordensleute heranzubilden und ihnen die volle Verantwortung anzuvertrauen.

Papst Paul VI. hat 1967 ein Signal zur missionarischen Neuorientierung gegeben, als er bei seinem Besuch in Uganda den Bischöfen sagte: „Ihr Afrikaner, ihr seid jetzt euere eigenen Missionare".

Johannes Paul II. verstärkte diese Worte, als er am 3. Mai 1980 in Kinshasa in Zaire hinzufügte: „Seien Sie jetzt Missionare auf Ihre Weise, nicht nur in diesem Land, sondern darüber hinaus auch in anderen Ländern Afrikas". Tags zuvor appellierte er vor Tausenden von Gläubigen, Bischöfen, Priestern, Ordensleuten, jede Spaltung zu vermeiden, in Eintracht zu leben, auch jene willkommen zu heißen, die als Fremde ihr Leben „mit ihnen teilen... denn die Kirche ist eine Familie, in der niemand ausgeschlossen ist".

 

Mission - Auftrag oder Widerspruch?

Anregungen:

-Verständnis von „Kirche“, „Mission“ und „Ortskirchen“

-Begründung für die Ganzheitlichkeit der Mission

-„Neuer Mensch“ als Ziel

-Evangelisation und Entwicklungshilfe dürfen nicht getrennt gesehen werden, weil…

-Missionsarbeit wird nie überflüssig, weil…

-Vergleich mit Apg. 2, 42-47

- siehe auch Beilage/Auszug aus der Schrift „Dienste am Gottesvolk“ S. 25

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