CLARETINER IN SIBIRIEN
Bischof Joseph Werth, Apostolischer Administrator von Novosibirsk und ganz Sibirien hat uns Claretinern die Riesenpfarrei von Krasnojarsk anvertraut. Seit dem Herbst 1992 arbeiten dort zwei polnische Claretiner und fünf Schwestern. P. Rudolf Mainka aus Deutschland befindet sich seit August 1993 ebenfalls zeitweilig in dieser Gemeinde und hilft in der Seelsorge mit, soweit es seine angeschlagene Gesundheit erlaubt. Die kleine katholische Gemeinde in der Millionenstadt Krasnojarsk ist „registriert", d. h. staatlich anerkannt. Sie entfaltet ein reges sakramentales und caritatives Leben. In einem Schulraum auf dem linken Ufer des Jenissej - ein 3605 km langer Strom in Sibirien - und im Klubraum einer Fabrik auf dem rechten Ufer finden sonntags die Gottesdienste statt. Ein Brief aus Krasnojarsk ist sehr aufschlußreich: „Bei jedem Gottesdienst sehen wir neue Gesichter"; diese Neuzugänge von Neugierigen und/oder Gläubigen kommen nicht nur aus der Stadt selbst, sondern auch aus ihrem „Umfeld" mit einem Radius von 200 und mehr Kilometern. Auch in der weiteren Umgebung hat man von der Gegenwart katholischer Priester und Schwestern in Krasnojarsk erfahren: Katholiken anderer Städte und Siedlungen mit zahlenmäßig starker deutschspachiger Bevölkerung bitten um den Besuch der Priester und/oder Schwestern. Was uns in Krasnojarsk erwartet? Eine brüderliche Claretinergemeinschaft der Pfarrei und eine kleine junge Christengemeinde in einem weiten Gebiet von 2,4 Millionen qkm - flächenmäßig 5x so groß wie Frankreich -. Viele vertriebene und versprengte Katholiken, die jahrzehntelang keinen Priester gesehen haben, erwarten uns. Die Leute erzählten von ihrem langen Warten auf einen Priester; erzählten von ihren Müttern, die jahrelang um einen Priester für ihre Sterbestunde gebetet hatten und diese Freude nicht mehr erleben konnten. Es gab viel Tränen der Freude, als wir kamen. Wir entdeckten auch einen Gebetsschatz, der diesen ehemaligen Wolgadeutschen während der Zeit der Verschleppungen den Glauben bewahren half - in der priesterlosen Zeit an der Wolga und dann in Kasachstan in Sibirien. Einige dieser Gebete hat uns Tjotja Marusja vorgetragen. Sie hat jahrzehntelang die Gemeinde zusammengehalten, hat Kinder getauft, mit den Sterbenden gebetet und sie christlich bestattet. Die Gebete sind keine literarischen Kunstwerke, sondern tiefe Glaubenszeugnisse. In Krasnojarsk hatten wir vom 4. bis 11. November 1993 unseren Bischof Joseph Werth zur Visitation. Er ist der Apostolische Administrator für ganz Sibirien; für die Seelsorgsarbeit in diesem 12 Millionen qkm weiten Gebiet vom Ural bis Wladiwostok und bis vor die Küste Alaskas stehen ihm insgesamt 40 Priester zur Verfügung bei einer Bevölkerung von 50 bis 60 Millionen Menschen. Bischof Werth feierte mit der Gemeinde von Krasnojarsk die Gottesdienste und spendete dabei auch die Sakramente der Taufe, der Firmung, der Ehe, und stand ganz selbstverständlich auch für die Beichten zur Verfügung; denn bei uns wird das Bußsakrament noch viel in Anspruch genommen. Am eindruckvollsten aber war seine Teilnahme an unseren Gottesdiensten auf drei Außenstellen Krasnyj Pachar, Arej und Vedvistje, wo in der Hauptsache wolgadeutsche Katholiken leben. Köstlich war es, seiner Predigt zu lauschen, wo er aus dem literarischen Deutsch immer mehr ins wolgadeutsch hineinkam, vor allem in Vedvistje, wo einige Familien aus dem Geburtsort seines Vaters wohnen und unter denen er sogar nähere und entferntere Verwandte seiner Familie fand. Nach der Eucharistiefeier trug er die Krankenkommunion zu einer alten Wolgadeutschen in ihrem kleinem Holzhäuschen. Geduldig hörte er sich auch unsere Sorgen an, ermutigte uns in unserer Arbeit und gab uns wertvolle Hinweise dafür. Im Pfarrblatt unserer Gemeinde vom November 1993 fand sich ein Gebet, das einerseits persönliche Erfahrung ist, gleichzeitig aber auch die Sehnsucht der Menschen Sibiriens zum Ausdruck bringt. Es ist in einem wunderbaren Russisch geschrieben und reimt sich im Original; P. Mainka hat es ins Deutsche übersetzt, allerdings ohne Reim, doch die Gedanken sind treu wiedergegeben. MEIN GEBET Vater unser im Himmel, Du bist unser Licht und unsere Hoffnung. Erbarm Dich und - wenn möglich - verzeih uns, den Verfluchten und Sündern. Verzeih unsern Eltern, die lange schon tot. In Dunkelheit haben sie unrecht gelebt, die Kirchen zerstört, die Ikonen verbrannt, zum Unglauben uns geboren. Das Licht Deiner Schriften versagten sie uns, sie lehrten, daß schimpflich die Taufe, das Singen der Psalmen und auch das Gebet, die Verehrung der heiligen Bilder. Gottlos geboren, verehrten wir weder Gott, noch den Sohn, noch die Jungfrau; durch Unglauben blind fühlten wir keine Schuld beim Töten der Kinder im Schoße. O Gott, wie bitter und schwer ist unsere Sünd, wie spät kam zu uns die Erleuchtung! Verzeih und bewahr und Dich aller erbarm, send unseren Seelen Dein Heil zu. - Irina Petrovna Koroleva, geb. Fischbach 4.1.1991 - Wenige Monate, nachdem sie dies Gebet geschrieben, empfing die deutschstämmige Autorin die heilige Taufe. Sie lebt, über 70jährig, in der Stadt Abakan, einer der fünfzehn Außenstellen unserer Pfarrei, etwa 400 km südlich von Krasnojarsk. Unser Pfarrblatt brachte auch Leserbriefe unserer Autorin, die für viele sprechen: „Liebe Redaktion! Mit großer Freude erhalte ich von Euch die Zeitung `Katoliceskij Poslanesz' (= Katholischer Bote). Ich bin Euch von Herzen dankbar. Ich bin eine alte Frau, erst vor einigen Jahren zur Religion bekehrt; im Jahre 1991 habe ich die Taufe empfangen (ich bin eine Deutschstämmige aus katholischer Familie). Alles, was mit der Katholischen Kirche in Verbindung steht, ist mir daher besonders lieb..." Im Haus auf der Diksonstraße in Krasnojarks wurde manches verändert. Pan Jerzy, Vater Antonijs Vater, hatte unser Holzhaus um ein Stockwerk erhöht und damit um sieben kleine Zimmer und einer Werkstatt bereichert; das war notwendig, weil sich auch die Zahl der Bewohner vermehrt hatte: zu Vater Antonij und Vater Roman waren der Filmmann Vater Wojczech und unser unermüdlicher Missionar Vater Jan dazugekommen, ein 70jähriger spätberufener Pole. Die Seelsorgsaufgaben haben zugenommen, denn für 22 Seelsorgstellen, die regelmäßig betreut werden, ist das noch lange nicht ausreichend, zumal wir wohl noch lange nicht alle Katholiken unserer großen Pfarrei ausfindig gemacht haben... Trotz Probleme schenkt uns die Arbeit viel neue Freude, denn die Freude unserer Gläubigen, der Jungen und Alten, an Jesus und seiner Kirche ist einfach ansteckend. Im Mai hatten wir in unserer Kirche einen Maialtar aufgestellt. Jeden Abend nach der Messe hatten wir dort Maiandacht. Freilich hatten wir wegen des Maialtars Probleme mit der Philharmonie, der Besitzerin der Kirche: trotz Präsidentenerlaß, alle Kirchengebäude seien ihren Glaubensgemeinschaften zurückzugeben, wird dieser Erlaß in ganz Rußland nur sehr, sehr zögerlich und nur ausnahmsweise verwirklicht... Zu den schönsten Erfahrungen gehört unsere Fahrt in die Chakasische Republik und unsere Gottesdienste in Borodino und Abakan sowie die Begegnung mit Irina Petrovna Koroleva, von der ich Euch zwei Gedichte und etwas von ihrer Lebensgeschichte in den beiden letzten Briefen übersetzt habe. Abakan liegt nicht ganz 500 km südlich Krasnojarsk. Es ist eine Fahrt durch eine herrliche Landschaft. Fast unbemerkt ließen wir die Taiga hinter uns. Über hundert km ging es durch die Steppe, die um diese Jahreszeit teilweise noch von grünen Wiesen gezeichnet war, an deren Blumenpracht wir uns erfreuten; dann wurden Blumen und Gras immer seltener, große Herden von Schafen, Kühen oder Pferden weideten auf unübersehbaren Ebenen. Es waren größtenteils chakasische Hirten, die ihre Rassepferde meisterlich beherrschten. Unsere Hoffnung, auf der langen Strecke an einer der wenig zahlreichen Tankstellen unseren Tank nachfüllen zu können, erfüllte sich nicht: entweder gab es gar kein Benzin oder nicht das Benzin, das wir brauchten; immerhin hatten wir einen Kanister mit 20 ltr. als Reserve dabei. Schließlich sahen wir die Abzweigung nach Borodino, wo wir um 13.00 Uhr die hl. Messe feiern sollten. Wir waren zu früh dort. Doch bald kamen die ersten Gottesdienstbesucher: es waren zwei ältere Damen, die 1912 mit ihren Eltern direkt nach Sibirien gekommen waren: sie kamen aus Grünberg/Schlesien (jetzt Zelona Gora); die nächste Gruppe waren Schwaben. Die Katholiken von Borodino wurden von uns erst vor wenigen Monaten entdeckt. Doch seit Jahrzehnten versammelten sie sich ohne Priester jeden Sonntag für drei Stunden gemeinsamen Gebetes. Ihre Freude über jeden Gottesdienst ist ihnen anzusehen; daß es diesmal zwei deutsche Priester waren, hat ihre Freude wesentlich erhöht. Es mögen etwa 40 Personen gewesen sein, einschließlich der Kinder. Vor der Messe hatten wir beide Beichte zu hören - und nach der Messe gab es ein überreichliches Mittagessen. Dann war es aber auch Zeit, nach Abakan weiterzufahren, wo die Eucharistiefeier um 17.00 Uhr beginnen sollte. Zuerst mußten wir die Familie finden in der Straße Freundschaft der Völker, die mich an die alte Sowjethymne erinnerte. Wir hatten Glück und fanden bald die Arztfamilie, die uns als Kontaktadresse angegeben war: eine großartige Familie mit zwei Kindern. Bald aber mußten wir zum Clubhaus fahren, in dem die Messe gefeiert werden sollte, auf die ich mit besonderer Spannung wartete. Dort sollte ich auch Irina Petrovna zum ersten Mal begegnen, der ich Anfang Mai einen Brief geschrieben und ihr auch die von mir übersetzten Gedichte geschickt hatte und auch etwas deutsches Geld, das man mir für sie von Deutschland mitgegeben hatte. Sie hatte mir darauf mit einem sehr feinen Brief geantwortet. Als sie in den Clubraum eintrat, war ich einen Augenblick betroffen: ich wußte nicht, daß sie nur mit zwei Krücken gehen konnte, die sie in den Achseln stützten. Als ich aber in das Gesicht von Irina Petrovna schaute, waren die Krücken vergessen: es war ein Gesicht, das innere Freude ausstrahlte. Mich durchzuckte ein Gedanke: „Eine ideale PTA!" (=Pfadfinderin trotz allem). Man sieht ihr an, daß sie ihre Behinderung ganz angenommen hat und daher in einer ganz großen inneren Freiheit lebte; in einer Freiheit aus tiefer Gottverbundenheit. Ehrfurcht bestimmte unsere erste Begrüßung, und wird auch weiterhin bestimmend bleiben. Nach der Messe lud mich Irina Petrovna in ihre kleine, sehr saubere Wohnung zu einem sehr guten Gespräch und einem schön zubereiteten Abendessen ein, wobei ich auch ihren zweiten Sohn kennenlernen durfte, einen feinen Menschen, der religiös nicht auf der Welle seiner Mutter liegt, die er offensichtlich sehr gern hat. Ihr erster Sohn, Wladislaw, ist 1976 dreiundzwanzigjährig gestorben; für sie war es eine harte Erfahrung. Zum Abschied gab sie mir ein Gedicht, das sie in dieser Erfahrung im Dezember 1976 geschrieben hat. Ich werte es als ganz großen Vertrauensbeweis - und behalte es noch für mich. Die hl. Messe wurde auf Russisch gefeiert vor etwa 20 Gläubigen... Auch Irina Petrovna beklagte in einem Artikel des Katoliceskij Poslanec die mangelnde Teilnahme der Katholiken an den Gottesdiensten. Hier liegt noch eine Aufgabe für unsere Seelsorge; ob sie mit einem monatlichen Zweitage-Besuch des Priesters zu lösen ist??? Die Diözese muß Laienkatecheten ausbilden, die ständig an einigen Seelsorgstellen arbeiten. Aber das braucht noch Zeit, Menschen und Mittel... und Gebet! In Abakan konnten wir endlich tanken und unsere Kanister füllen für die Rückreise. Zuvor durften wir auch am Sonntag, 5. Juni, noch zweimal Gottesdienst feiern: um 11.00 Uhr in Abakan, um 15.00 Uhr in Borodino - mit anschließendem obligaten Essen, das aber immer auch Gelegenheit zum Gespräch bot. Die Heimfahrt verlief glatt. Ich konnte die herrliche Landschaft im Abendlicht bewundern und nebenbei für Lieder gegen das Einschlafen sorgen. Immer wieder fragten wir uns, ob in Krasnojarsk wohl die Fronleichnamsprozession unserer Kirche stattfinden konnte. Vier Altäre waren dafür vorbereitet auf dem Prozessionsweg um die Kirche. Doch - würde das regnerische Wetter der vorhergehenden Tage die Prozession erlauben? So war dann unsere erste Frage, als wir kurz vor 22.00 Uhr in Krasnojarsk ankamen: „Habt ihr die Prozession halten können?" Die Antwort erhielten wir auf einem Videoband: die erste Fronleichnamsprozession seit Jahrzehnten Krasnojarks hatte stattgefunden! Obwohl es noch am Morgen geregnet hatte, wurde das Wetter ab 10.00 Uhr schön und sogar heiß (als wir in die Stadt einfuhren, zeigte das Thermometer 34 Grad Celsius! Wer redet da immer nur vom kalten Sibirien? Wir haben hier schließlich Kontinentalklima, d.h. kalte Winter und heiße Sommer!) Vom 29.5. - 26.6.94 war unser Pfarrer, Vater Antonij, dienstlich unterwegs. Die katholische Kirche Rußlands hat ja noch keine einheitlichen liturgischen Bücher. Meßbuch, Lektionar, Brevier, Rituale müssen übersetzt, gedruckt und approbiert werden. Diese Arbeit wurde auf die russischen Diözesen aufgeteilt. Unsere Diözese Novosibirsk soll die acht Bände des Lektionars erarbeiten. Unser Bischof hat damit P. Antonij beauftragt. Die ersten Bände sind fertig, und P. Antonij hat sie der Römischen Kongregation zur Prüfung vorgelegt. Gleichzeitig benützte er die Reise, um sich bei unseren Wohltätern dankend und bittend in Erinnerung zu rufen. So war er z.B. bei KIRCHE IN NOT und bei RENOVABIS, aber auch bei den Benediktinern in Meschede und den Claretinern in Würzburg und Rom. Hier aber lief unser Dienst weiter... Wir haben ja hier in unserer Kirche an jedem Sonntagvormittag zwei Messen: um 9.30 Uhr und um 11.00 Uhr; die 11-Uhr-Messe ist immer Russisch, die 9.30-Uhr-Messe ist am ersten und dritten Sonntag des Monats Polnisch, am zweiten und vierten Sonntag Deutsch. Die Messen mit P. Alfons werden unseren Gläubigen unvergesslich bleiben... In Wjetwistyj konnten wir 41 Täuflinge taufen. Auch sie waren von unseren Schwestern in den vorausgegangenen drei Monaten dazu vorbereitet worden. Von den insgesamt 48 Neugetauften waren 32 zwischen fünf und zwölf Jahren alt, acht Kinder waren unter drei Jahren; das bedeutet eine wesentliche Verjüngung dieser Gemeinde: ein Schritt in die Zukunft der Kirche in Rußland! Am 13.6. feierten wir in Krasnyj Pachar, 30 km vor Krasnojarsk, das Fest des hl. Antonius von Padua mit einer Messe um 20 Uhr in einer noch nicht voll errichteten Kapelle, die dem hl. Antonius geweiht wird, weil auch die Heimatkirche der Gläubigen an der Wolga diesem Heiligen geweiht war. Es waren beglückende Tage für alle; doch fragt nicht, wann wir in diesem unseren Triduum nach Hause und ins Bett kamen... Bitte, denkt in Euerm Gebet auch manchmal an unsere kleine Herde, die ihren Glauben in einer doch weithin glaubenslosen Umgebung lebt und so selbst Neue Evangelisierung ist in ihrer Umwelt; betet auch für uns Priester, daß wir Frohe Botschaft künden in einer Gesellschaft, die wenig Hoffnung hat. Vergeßt auch nicht Euern P. Rudi Mainka.
CLARETINER IN SIBIRIENAnregungen: -Kartenarbeit zu „Sibirien“ -Situation vor der Ankunft der Claretiner -Tätigkeit des Bischofs Joseph Werth -Die Aussagen des Gebets erklären -Bedeutung des Pfarrblatts -Einfluss der Politik auf die Kirche -Bedeutung von „PTA“ -Situation bzgl. liturgische Bücher -Gebet formulieren |