CLARETINER IN BRASILIEN

Zehn Jahre für Gerechtigkeit...

„Es gibt keinen Zweiten wie Dom Pedro, ein geistreicher, feuriger, mystischer, praktischer Dichter-Priester, Bischof der Armen, Verteidiger der Indios, eine Kombination aus Oscar Romero, Helder Camara, Dan Berrigan und zehn weiteren willkürlich ausgewählten Katalanen. Doch ist er auch der typische Priester der Kirche, die der Welt allein in den letzten zehn Jahren so viele Heilige und Martyrer geschenkt hat."

Thomas E. Quigley, U. S. C. C-Berater für Lateinamerika

Gemeint ist: Pedro Casaldáliga,

Bischof von Sao Félix do Araguaia, Mato Grosso, Brasilien.

Er schreibt:

Ein zehnjähriger Kampf für Gerechtigkeit in der Hoffnung auf das Reich Gottes in der geographischen Mitte Brasiliens - so könnte man ohne Anmaßung die Geschichte der Prälatur S`o Félix do Araguaia überschreiben.

Die Missionsprälatur besteht seit 1971, dem Jahr, da ich am Ufer des Araguaia, eines Flusses mit funkelndem Sand, Fischen und Vögeln zum Bischof geweiht wurde. Wir erreichten diesen Ort im Mato Grosso nach einer nicht enden wollenden siebentägigen Fahrt auf dem Lastwagen. Wir waren zu zweit, Manuel Luzón und ich, beide Claretiner. Das war im Juli 1968, dem Jahr von Medellín, wo die Bischöfe Lateinamerikas denkwürdige Beschlüsse zur Erneuerung der lateinamerikanischen Kirche faßten.

Gott und die Kirche vertrauten uns ein riesiges Gebiet von 150 000 qkm zwischen den Flüssen Araguaia und Xingu an, ein Land wie der berühmte Wilde Westen, die alte Mutter Erde der Indios im Xingu-Nationalpark (dessen östliche Hälfte zu unserer Prälatur gehört), ein Land, das Einwanderer aus Nordost-Brasilien begehrten, deren Bauernhöfe unter der Trockenheit litten oder die vertrieben wurden von sich ausbreitenden Großgrundbesitzern.

Wir zwei spanischen Claretiner kamen an, ohne zu wissen, daß es ein konfliktgeladenes Land war. Es stand nicht lange an, da sahen wir uns gezwungen, in den Konflikt einzugreifen und alle Folgen zu tragen. Wir ergriffen Partei für die Armen: die Indios und die Posseiros (die ihr Land bearbeiten, ohne daß ihr Besitz gesichert ist), versklavt auf den Haciendas der Großgrundbesitzer).


 

Erster Hirtenbrief...

Als ich am 23. Oktober 1971 Bischof wurde, veröffentlichte ich meinen ersten Hirtenbrief. Er war mit Dokumenten belegt und offen, tatsächlich eine Herausforderung: Eine Kirche im Amazonasgebiet im Kampf gegen Großgrundbesitzer und gegen Abdrängung an den Rand der Gesellschaft. Das Gebiet leidet unter zunehmender Monopolstellung der Großgrundbesitzer. Gesundheitswesen, Bildungswesen, Verkehrsverbindungen und Behörden sind in himmelschreiendem Zustand. Wir haben nicht einmal einen Richter. Und um Bildung und Gesundheit kümmert sich die Regierung kaum. Es gibt keinen Strom, nicht einmal im Hauptort der Prälatur, es gibt keinen Zentimeter Asphaltstraße. Während der Regenzeit sind wir monatelang von allen Verbindungen abgeschnitten.

Die Kirche sieht sich gezwungen, viele Dienste zu übernehmen, um die sich die Regierung kümmern müßte. Caritas wird zu Sozialarbeit und sogar zum Politikum. Wir eröffnen Krankenhäuser und Schulen. Wir helfen Arbeitern und Gruppen von Indios, ihre verlorene Lebensgrundlage wiederzuerlangen. Wir prangern unentwegt die Ungerechtigkeit der Ausbeuter, die Verantwortungslosigkeit der Behörden und die Aggression der multinationalen Konzerne an.

In diesen Jahren sind Ordensleute und Laien und weitere Claretiner in die Prälatur gekommen. Die Repressalien treffen uns alle. Unsere Schulen und Krankenhäuser werden gewaltsam geschlossen, unsere pastoralen Mitarbeiter eingesperrt und gefoltert, unsere Kirche wird systematisch verleumdet.

Die Sache der Gerechtigkeit

trägt immer das Siegel des befreienden Kreuzes.

Angesichts all dieser Tatsachen, ohne gewachsene menschliche Gemeinschaft (ausgenommen die Indio-Gemeinden), ohne kirchliche Gemeinde (ich war der erste Priester, der in der Gegend lebte), begannen wir mit einem sehr vernünftigen Plan. Am Nullpunkt anzufangen ist eine Chance.

Wir begannen die sogenannten „Campanas Misioneras" - etwa wie Volksmissionen - bei den am meisten in Mitleidenschaft geratenen Gruppen. Nach den Missionen wurde in Gruppen ein Pastoralteam eingesetzt. Die Teams waren gemischt: Priester, Ordensleute, Laien, Ledige und Verheiratete. Sie teilten alles miteinander. Systematisch suchten wir in jedem Dorf Gemeindeleiter. Wir ermutigten zur Gründung von Landarbeitergewerkschaften, Gesundheitskomitees, Müttervereinen, Eltern- und Lehrervereinigungen.

P. Francisco, immer auf der Seite der einfachen Arbeiter und der Tapirapé-Indios (zusammen mit den Kleinen Schwestern Jesu, die etwa 30 Jahre in dem Indio-Dorf lebten), wurde auf Betreiben der Großgrundbesitzer von der Militärregierung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und schließlich aus Brasilien ausgewiesen. Zermürbt von Angst und Sehnsucht nach seiner Missionsarbeit starb er im Januar 1979 in Frankreich. Ein weiterer Martyrer von uns ist der Jesuit P. Jo`o Bosco Penido Burnier. Die Militärpolizei ermordete ihn zu meinen Füßen am 11. Oktober 1976 in Ribeirao Bonito, als wir beide uns für zwei Frauen einsetzten, die von ebendieser Polizei schamlos gefoltert worden waren.


 

Neue Hoffnung...

Wenn uns auch das Kreuz der Gerechtigkeit immer begleitet hat, so aber auch die Gnade dessen, der treu ist, der unserer Hoffnung die Kraft gibt.

Die kirchliche Gemeinde wurde gefestigt, Gott sei's gedankt. Jährlich halten wir eine Versammlung aller unserer Leute.

Diese ist der Höhepunkt des Lebens unserer Kirche. Männer und Frauen aus jedem Ort übernehmen ihre bürgerliche und christliche Verantwortung für Gesundheit, Bildung, Gewerkschaften, Politik und Seelsorge. Es geht langsam, doch im Rhythmus der Landbevölkerung. All das geschieht trotz verschiedener Ausbrüche militärischer Willkür, bei denen die gesamte Bevölkerung durch Festnahmen, rüde Behandlung, Plünderung und ständige Bedrohung zu leiden hat.

Mal schwach, mal stark...

mit dem Kreuz arbeiten wir uns voran.

1974 begannen wir, das Mitteilungsblatt „ALVADORA" regelmäßig herauszubringen. Mehrere Bücher wurden veröffentlicht. Außerdem erschienen Kleinschriften in Kathechese, pastorale Themen, Bildung, Hygiene und Politik. Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen spielten Theaterstücke religiösen und sozialen Inhalts. In unserem Gemeindezentrum finden Zusammenkünfte und Ausbildungskurse für Gemeindeleiter und andere Gemeindemitglieder statt. Wir haben uns stets um qualifizierte Helfer bei diesen Aufgaben bemüht. Wie in anderen sogenannten „Volkskirchen" (die Kirche entsteht aus dem Volk durch die Kraft des Geistes, wie wir in Brasilien sagen) haben wir die Pastoralkommission für Landarbeiter (CPT) und das Missionskomitee für die Indios (CIMI) als eigene Dienste für Arbeiter bzw. Indios errichtet.

Wenn wir auch viele Feinde haben, so doch noch mehr Freunde. (Auch die Gnade nimmt in dem Maße zu, in dem sich Unrecht und Sünde mehren.) Unsere kleine Kirche von Sao Félix fühlt sich als lebendige Zelle der Gesamtkirche, arm, martyrerhaft, immer voll Hoffnung, daß Lateinamerika ein Sauerteig für die vielleicht bequeme, vielleicht verwässerte Kirche des alten Europa sein wird... Das sagen wir ohne Anmaßung. Nur die kleine unscheinbare Puppe wird eines Tages zum strahlenden Schmetterling.


 

CLARETINER IN BRASILIEN

 

Anregungen:

-Brasilien: Kartenarbeit

-Bedeutung und Folgen von „Wir ergreifen Partei für die Armen“

-Konkrete Missionsarbeit bedeutet:…

-Vergleich mit der Urkirche Apg. 2, 42-47

-Märtyrer und deren Namen / Werk

-Öffentlichkeitsarbeit:…

-Die kleine Kirche von Sao Felix fühlt sich als „lebendige Zelle der Gesamtkirche“…

-Begriffe: Dom Pedro, Katalane; Prälatur, Mato Grosso, Medellin, Lateinamerika,

     Monopolstellung, Repressalien, Pastoralteam, Volkskirche

 

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